Restauration DKE38

Restauration eines DKE 38
 

Da stand er nun: Ein kleiner DKE 38, und er stank dermaßen nach Kuhstall

dass ich beschloss die erste Aktion der Restauration ins Freie zu verlegen.

Das Gerät stand über jahrzehnte in einem Stall im Fenstereck und siechte

vor sich hin.
 

Der genaue Zustand des Geräts war wie folgt:

 
Allgemeines:
 

Lautsprecherbespannstoff: Ein Stück einer völlig versifften Gardine o.ä.

 

Seitlich ein 12mm Loch im Bakelit gebohrt für extra Netzschalter. Entweder der

Vorbesitzer hat beim Versuch das Gerät einzuschalten (ohne Rückwand)

aus Versehen ins Gerät gefasst und -brzzzzl- ordentlich eine Gewischt

bekommen und dann beschlossen den Zusatzschalter zu montieren, oder

er war zu faul um immer hinter dem Gerät zu fummeln.

 
Rückwand: Fehlanzeige.
 

Innereien: Gnadenlos mit Güllenebel und Staub und Dreck verschleimt.

Jeder Gentechnologe würde sich über so einen quietschlebendigen „Generationen-Biofilm“ im Millimeterbereich freuen.

 

Was am Gerät verändert war:

 

Ein Elko wurde mal ersetzt, der Schleifer des Potis ausser Funktion gesetzt, ein Schutzwiderstand 470 Ohm vor die VY2 gesetzt (!)

und die negative Gittervorspannung für G1 der VCL11 Tetrode mit einer zusätzlichen R-C-Siebung versehen. Das Gerät ist Bj 38/39, für die letztgenannte

Maßnahme wurde ein Kondensator Bj. 1944 eingesetzt - also eine sehr frühe Modifikation; vielleicht war der damalige Besitzer ein High Ender der sich am Brumm störte.

Ein 0,25yF Kondensator war durch einen Bosch Blockkondensator 0,5 yF ersetzt worden.

Außerdem war die 220 V Netzspannung direkt am Schalter durch einen 0,22yF Kondensator gegen HF verblockt.

Der 0,9yF Kondi der das Biaspoti überbrücken soll, fehlt komplett.

 

Was am Gerät außergewöhnlich war:

 

Nach genauer Untersuchung hat sich gezeigt dass die VY2 und die VCL11 praktisch in neuwertigem Zustand sind. Bei der VY2 ist sicher der 470 Ohm Vorwiderstand dafür verantwortlich dass diese überlebt hat, die VCL11 hat sicher sehr wenig Betriebsstunden drauf, denn der EMV Schutzlack ist wie neu.

Auch die Drehkos sind in gutem Zustand. Das Blechpaket der Drossel ist nicht durch Rost gequollen-vielleicht der Gülle zu verdanken.

 
Schritt1: Zerlegen
 

Chassis und Lautsprecher raus, Lautsprecherstoff in den Hausmüll, und das Gehäuse ordentlich in einem Eimer Wasser mit Spülmittel über Nacht eingeweicht. Tags darauf das Gehäuse saubergeschrubbt und mit Autolackreiniger wieder auf Hochglanz poliert. Das 12mm Loch an der Seite

ist sauber gebohrt und nicht auffällig; ich werde es so belassen.

 
Schritt 2: Lautsprecherbespannstoff
 

Einen vergilbten LIDL Baumwollsack habe ich als Lautsprecherbespannstoff missbraucht. Ich spanne den Stoff mittels vieler Pinnadeln auf ein Holzbrettchen

und klebe dann wenn er straff ist einfach einen stabilen Pappring drauf.

Aussen- und Innendurchmesser des Papprings entsprechen den Abmessungen des vorgesehenen Kleberands im Bakelitgehäuse. Wenn der Pattex getrocknet ist, schneide ich ringsum den Pappring den überschüssigen Stoff ab und klebe das unter Spannung stehende Gebilde dann in das Bakelitgehäuse. So ist das Ergebnis sehr sauber und schön straff gespannt.

 
Schritt 3: Chassis reinigen
 

Wegen einiger Blechbiegeverbindungen z.B. des Elkohalters, des Buchsenhalters und einiger Nietverbindungen ist von einer Vollzerlegung

abzuraten. Wenn man die Teile dann nochmals biegt, brechen sie ab.

Also reinigen des Chassis mit Wasser und Spülmittel und Wattestäbchen.

Das braucht eben Zeeeeeiiiiiiiit.

 
Schritt 4: Kondensatoren
 

Ich habe die beiden 4yF Elkos durch zwei MKP Blockkondensatoren 3,15yF/400V AC ersetzt, die genau in die Elkoschelle passen. Diese Lösung überzeugt mich, sie ist äußerst sicher + haltbar; andere vielleicht nicht.

Der 10nF Kondensator welcher die VY2 überbrückt wurde durch einen

9200 pF/2000 V FKP Kondensator ersetzt. Zusätzlich habe ich für die Spannung an G2 der Tetrode und –G1 der Tetrode und Anode der Triode RC Siebglieder eingebaut, die in diesem frühen Modell nicht vorgesehen waren, aber in den späteren Geräten ohne Netzdrossel enthalten sind. Dadurch ist das Gerät erstaunlich brummarm. Den damals schon nachgerüsteten direkt am Netz angeschlossenen HF Blocker Kondensator im halb zerlaufenen Wachswickelgehäuse habe ich durch einen Roederstein 0,22yF/250V AC FKP

ersetzt.
 

ACHTUNG: Einige DKE haben zwischen der Antennenspule und "Gerätemasse" einen Kondensator 5nF. Bitte diesen Kondensator in jedem Falle durch ein modernes WIMA Topmodell (z.B. FKP-1) mit höchster Spannungsfestigkeit (2000V) ersetzten. Wenn der nämlich durchschlägt, dann liegt evtl. Phase der Netzspannung an der Antenne !!!

 

Nun gut, die Teile sind nicht gerade authentisch; aber sie sind sicher und sie waren griffbereit.

 
Schritt 5: Widerstände nachmessen
 

Dabei ergab sich keine wesentliche Abweichung der Sollwerte.

 
Schritt 6: Kontaktreinigung der Röhrenfassungen
 

Nach dem Ausblasen der Röhrensockel mit Druckluft habe ich diese mit

Liqui Moly Elektronikspray Art.-nr. 3110 eingepinselt; auch den Sicherungshalter. Dies ist mit Abstand das beste Kontaktreinigungs / pflegemittel das ich kenne; die 100ml Spraydose kostet aber 17 Euro. Auch für Potis das optimale Mittel. Es wird von der Autoindustrie beim Zusammenbau der Vielfachsteckverbinder der Motorsteuerung verwendet.

 
Schritt 7: Netzkabel
 

Das alte Stoffkabel ist in desolatem Bröselzustand und wurde durch ein neues

Netzkabel ersetzt.
 
Schritt 8: Zusammenbauen + Einschalten
 

Die Erstinbetriebnahme erfolgt unter größter Vorsicht :

 

A- Das Gerät ist über einen Trenntrafo 230V/220V angeschlossen !!!

B- Dem Gerät ist eine 40 W Glühbirne vorgeschaltet !!!

 
Zu A :

Da es sich um ein Allstromgerät handelt welches keine galvanisch Trennung vom Netz hat steht im Prinzip jedes Teil des Geräts unter direkter Netzspannung.

Das betrifft u.U. auch Metallachsen von Drehkos und Potis sowie die EMV Abschirmbeschichtung der VCL11 und den Lautsprecheranschluss.

 

Daher Experimente mit solchen Geräten NIE OHNE TRENNTRAFO !!!

 
zu B:

Wenn im Gerät was nicht stimmt, also z.B. ein totaler Kurzschluss, dann leuchtet lediglich die Glühbirne auf und es passiert ansonsten nichts spektakuläres.

 

An der linke Buchse Erde anschließen, am ganz rechten Antennenanschluss eine 6m Außenantenne.

 

Also frohen Mutes eingeschaltet. Die 40W Birne glimmt für kurze Zeit leicht auf. Nach ca. 1 1/2 Minuten regt sich was; die ersten Töne. Erstaunlich - das Gerät spielt bei richtiger Abstimmung sehr laut und klar; fast besser wie der VE301W.,

 
____________________
____________________
 

Diese Restauration ist zwar nicht ganz schulbuchmäßig, aber sicher + dauerhaft und die Wiedergabequalität ist so, dass man das Gerät gerne einschaltet.

 

Allgemein möchte ich jedem, der ein Allstromgerät betreibt (also kein Netztrafo im Gerät) dringend empfehlen, dieses immer über einen vorgeschalteten Trenntrafo anzuschliessen.

 

Viel Spaß beim restaurieren, selberbauen, reparieren wünscht...

 
Jochen Wankmiller